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Atemlose Spannung, Erschrecken, Erkennen

Schultheaterbühne frei für Georg Büchner

114 Gymnasiasten der Kaufmännischen Schule und der Eugen-Grimminger-Schule besuchten zwei Aufführungen am Vormittag des 30.11.2016 in der von beiden Schulen gemeinschaftlich genutzten Aula. Am Tag zuvor war das Ein-Personen-Stück „büchner.die welt.ein riss“ bereits am Lise-Meitner-Gymnasium zu sehen gewesen. Regisseur Thorsten Kreilos war mit seinem „theatermobileSpiele“ aus Karlsruhe schon zum dritten Mal zu Gast an der KSCr. Seine aktuelle Collage aus Werken von Georg Büchner umfasst ca. eine Stunde.

Von Anfang an war das junge Publikum gebannt. Schauspieler Rüdiger Hellmann stellte zu jedem Einzelnen zu Beginn durch Blickkontakt eine Verbindung her, die er dank seines souveränen und kraftvollen Spiels bis zum Ende aufrechterhielt.

Mit einer flächigen, übermannshohen schwarzen Folie als Bühnen- und Erdengrund wird die Illusion einer kahlen, geschundenen, in Schutt und Asche gelegten Erde heraufbeschworen. Eines Zeit-Raum-Konstrukts, das nach dem Gesetz der Gewalt funktioniert .

Es wird mittels dieser Illusion aber auch an das Nichts erinnert, das mit Büchner als Utopie, als Sehnsuchtsort, gelesen werden kann. Büchners Nihilismus ist exquisit: die Revolutionäre in „Dan-tons Tod“ – und allen voran Danton selbst - begreifen in existentieller Weise, im Kerker, kurz vor dem Gang auf das Schafott, dass etwas nicht zu nichts werden kann. Der Zuschauer begreift dank des unter die Haut gehenden Spiels von Rüdiger Hellmann beinahe körperlich, was Büchner hiermit meint.

Auch wurde Georg Büchners berühmte Frage nach dem, „was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet“ in Thorsten Kreilos‘ Inszenierung mehrmals eindringlich gestellt. Was oder wer zieht denn nun die Drähte, an denen wir wie Puppen alle hängen? Was oder wer sind diese „unbekannten Gewalten?“ Eine im Unterricht oft gestreifte Frage.

Die Herrschenden jedenfalls sind im besten Fall melancholisch, so wie der schwarzgallig-heitere König Peter in „Leonce und Lena“, den sein Philosophieren in große Verwirrung stürzt. Auch diese schwierige, sehr lange Passage meisterte Rüdiger Hellmann bravourös. Die Beherrschten sind im schlimmsten Fall dem Wahnsinn verfallen, so wie Lenz und Woyzeck. Auch diese beiden Figuren Büchners wurden intensiv durch Rüdiger Hellmann verkörpert.

Wenn alle ihre Masken absetzten, würde laut Büchners Danton nur der immergleiche Schafskopf zum Vorschein kommen. Das ist eine der Einsichten, die, gegen Ende der Collage platziert und vom Schauspieler ergreifend vorgetragen, im Zuschauer – der im gleichen Atemzug noch die Guillotinierung einer Babypuppe miterlebt – eine Sehnsucht nach dem eingangs beschriebenen büchnerschen Nichts erwecken kann.

Ein halbstündiges Nachgespräch mit Regisseur und Schauspieler beschloss die anregende Theatermatinee, die allen Beteiligten viel abverlangte - aber noch viel mehr gab.

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